«Plötzlich ergaben ganz viele Dinge Sinn»

Ebikon, 26. August 2026 — TEN-Ressortleiterin Kerstin Wilcox über TEN, warum und was genau. Auch: Wie die Konstitutionslehre funktioniert.

Eine Frau, Kerstin Wilcox, hält eine Pflaume. Bild: Heilpraktikerschule Luzern

Kerstin Wilcox, zum Znüni gibt’s heute Zwetschgen vom Bauernhof nebenan, für einmal ohne gross über Ernährung nachzudenken: «Sie sind einfach zu fein.» Kerstin kam als MPA und Mutter zur TEN, biss, schmauste und schlemmte sich durch die Ausbildung zur TEN-Therapeutin – und würde das immer wieder tun, trotz Familie mit vier Kindern und 20%-Job. Sie doziert und leitet das Ressort TEN. Foto: Heilpraktikerschule Luzern

Kerstin Wilcox, du bist jetzt ein Jahr Leiterin des Ressorts Naturheilkunde TEN. Wie ist das so? 

Bereichernd. Und spannend. Als Ressortleiterin habe ich viel Abwechslung, ich kann in unterschiedlichsten Bereichen mitwirken. Dazu gehört die Zusammenarbeit mit dem Sekretariat, der IT und unseren DozentInnen. Neben meinem TEN-Fachwissen ist da auch Organisation, Kommunikation und Teamarbeit gefragt.

Wie ist es fachlich?

Das fordert immer wieder aufs Neue. Die Naturheilkunde entwickelt sich ja stetig weiter, und es ist meine Aufgabe, das Wissen laufend zu vertiefen und zu schauen, dass wir als Schule auf aktuellem Stand weitergeben.

Hast du ein Beispiel für diese Weiterentwicklung der Naturheilkunde?

Es ist viel neues Wissen entstanden in letzter Zeit. So haben wir einen immer detaillierteren Einblick in die TEN. Besonders in der Ernährung, auch in der Diagnostik und den therapeutischen Methoden, wurden Zusammenhänge ausführlicher beschrieben und nachvollziehbarer erklärt. Diese Entwicklungen gehören natürlich in den Unterricht. Uns ist es wichtig, diese neuen Erkenntnisse in die Ausbildung aufzunehmen.

Okay, ich dachte immer: Da ist das alte, tradierte Wissen, das bleibt, wie es ist. Fertig.

Das ist nicht so. Deshalb sind ja bei uns an der HPS neue Angebote entstanden: «Humoralmedizin & Ernährung» und «Humoralmedizin & Massagen». Wir betrachten Massage und Ernährung noch vertiefter aus Sicht der TEN. Da kommt es schon zu Fortschritten, besserem Verständnis. 

In welchem Teil deiner Arbeit steckt die meiste Freude?

Unterricht und den Gesprächen mit den StudentInnen. Sie zu begleiten ist sehr schön. Zu sehen, wie sie sich während der Ausbildung entwickeln, auch persönlich. Wie sie Schritt für Schritt in ihre zukünftige therapeutische Rolle hineinwachsen. Da dabei zu sein, empfinde ich als wertvoll und motivierend.

Du bist MPA, hast also in einer schulmedizinischen Praxis gearbeitet. Was hat dich zur Naturheilkunde gebracht?

Eigentlich waren es ja immer die schulmedizinischen Fächer, die mich fasziniert haben: Anatomie, Physiologie und Pathologie, das waren meine Lieblingsthemen. Tatsächlich überlegte ich mir damals, als ich in Australien war, dort Radiologie zu studieren. 

Und dann?

Ja, das Leben hatte andere Pläne, ich bin in die Schweiz zurückgekehrt. Zur Naturheilkunde bin ich dann erst wegen der Behinderung meines Sohnes gekommen. Ich habe Möglichkeiten gesucht, ihn bestmöglich zu unterstützen. Bald habe ich gemerkt, wie wichtig das Essen ist, und ich habe über Ernährung nachgeforscht. Nicht nur aus schulmedizinischer Sicht, auch aus naturheilkundlicher. Das war eine neue Welt, ich merkte, wie entscheidend ganzheitliche Zusammenhänge sind.

Und so bist du ab in die Naturheilkunde.

Der eigentliche Wendepunkt ist ausgerechnet während eines Kurses in Medizinischen Grundlagen gekommen: Die Schulmedizin hat meine Naturheilkunde-Begeisterung so richtig geweckt. 

Inwiefern?

Plötzlich ergaben ganz viele Dinge Sinn. Und ich spürte, wie sehr mich dieser ganzheitliche Blick auf den Menschen faszinierte.

Hast du ein Beispiel dafür, wie etwas plötzlich Sinn ergeben hat?

Nimm ein Symptom. Kopf- oder Rückenschmerzen oder ein Ausschlag. Muss man dieses Symptom möglichst schnell «wegbehandeln»? Die Frage ist aber auch: Warum ist dieses Symptom überhaupt entstanden? Was hat diese PatientIn aus dem Gleichgewicht gebracht? Was braucht sie, damit sie und ihr System wieder in Richtung Gesundheit findet? Durch diese Fragen erweitert sich der Begriff der Behandlung: Behandlung ist auch ein Begleiten und Führen. Wir geben Impulse und unterstützen unsere PatientInnen, damit sie ihre eigenen Ressourcen nutzen. Damit sie Schritt für Schritt immer mehr und mehr das Leben führen, das ihrer Konstitution, ihrer Gesundheit entspricht.

Das heisst, als Patient muss ich da auch mitarbeiten. Ich erhalte also nicht einfach schöne Massagen, dazu Blutegel- und Kräutertherapie, und gut ist. Ich muss was tun. Zum Beispiel mich bewegen, früher schlafen gehen, meine Ernährung anpassen.

Klar. Stichwort: Eigenverantwortung. Das ist ein wichtiger Aspekt. Du bist deiner Gesundheit nicht einfach ausgeliefert. Du kannst selbst etwas bewirken, und das in einigen Dingen: Ernährung, Bewegung, Schlaf, Entspannung. Als TherapeutInnen sehen wir die Krankheit – und die PatientIn dahinter. Wir erstellen Therapiepläne, und wir zeigen eben auch, was die PatientIn selbst für ihre Gesundheit tun kann. Das ist nicht gegen die Schulmedizin gerichtet, es gibt ja manche Krankheiten, da ist eine schulmedizinische Behandlung unverzichtbar. Bei Notfällen zum Beispiel oder schweren akuten Erkrankungen.

Deine Ausbildung hast du vollzeit gemacht?

Du bist gut. Vier Kinder, ein 20%-Pensum als MPA, das Familienleben – überhaupt die Ausbildung zu starten, war keine leichte Entscheidung. Trotzdem, ich wollte los, und ich tat es. Das bedeutete viele Lernstunden, Verzicht auf Freizeit und eine gute Portion Durchhaltewillen. Das hat sich gelohnt. Die Ausbildung hat meinen Horizont erweitert, meinen Blick auf Gesundheit und Krankheit verändert und mir neue berufliche und persönliche Perspektiven gegeben. Rückblickend war es eine der besten Entscheidungen meines Lebens – und eine Reise, die ich jederzeit wieder antreten würde. Der ganzheitliche Blick macht die Naturheilkunde für mich so spannend.

An deiner Faszination hat sicher auch die Konstitutionslehre einen Anteil?

Ganz klar. Besonders beeindruckt mich, wie sich diese unterschiedlichen Konstitutionen erkennen lassen – und wie wir daraus Therapieansätze ableiten, die super individuell sind. Menschen bringen ja ganz unterschiedliche Voraussetzungen mit, körperlich, seelisch, emotional, sozial und auch in Bezug auf weitere Lebensumstände. Diese Unterschiede zu erkennen und zu verstehen, ist für mich der umwerfendste Aspekt der TEN.

Das heisst, meine Symptome basieren auf anderen Ursachen als die Symptome einer anderen Person?

Ja, das ist fast immer so, und deshalb behandeln wir beispielsweise ein Symptom wie Kopfschmerzen oder Verdauungsbeschwerden nicht bei jedem Menschen gleich. Im Mittelpunkt steht nicht der Name der Krankheit, sondern die Frage: Warum zeigt sich dieses Symptom gerade bei dieser PatientIn auf diese Weise? Welche Konstitution bringt die Person mit? Welche Ressourcen? Wie ist das Umfeld? Was belastet ihren Alltag?

Das ist ja eine fast schon detektivische Arbeit.

Schon ein wenig. Und all diese Faktoren fliessen in die Beurteilung und die Therapieplanung mit ein. Dieses Individuelle macht die TEN für mich so faszinierend: Es gibt kaum Standardlösungen. Jeder Mensch erzählt seine eigene Geschichte, und jede Therapie ist ein Stück weit so individuell wie die Person selbst.

Wie findet man heraus, ob jemand eher sanguinisch, phlegmatisch, melancholisch oder cholerisch ist?

Das ist sehr anspruchsvoll. Es gibt dabei selten eindeutige Antworten. Jeder Mensch trägt alle vier Temperamente in sich – in ganz unterschiedlicher Ausprägung. Genau diese individuelle Mischung macht jeden Menschen einzigartig.

Aber dann ist das ja schon eher schwierig. Nach einem einzigen Kürsli kann ich das nicht.

Du brauchst Übung, das schaffst du schon, wir nehmen dich mit, das tun wir mit allen StudentInnen. Wie sie wirst du lernen, auf einzelne Merkmale zu achten und dein Gesamtbild auf viele kleine Beobachtungen zu gründen. Der Körperbau kann wichtige Hinweise geben, das Bewegungsmuster, die Haltung, die Art, wie jemand im Raum ist. Es helfen auch persönliche Vorlieben, bestimmte Verhaltensweisen und Charaktereigenschaften. Selbst die Art, wie jemand spricht, trägt zum Gesamtbild bei. Lebhaft und ausdrucksstark, schnell oder bedacht, ruhig und zurückhaltend? Welche Themen stehen im Vordergrund? 

Man verrät ja schon sehr viel über sich, wenn man da geübten Leuten gegenüber steht. Oder sitzt. Oder läuft. Oder spricht.

Das ist so. Die Temperamentslehre ist deshalb weit mehr als eine theoretische Einteilung. Sie hilft, Menschen besser zu verstehen und ihre individuellen Bedürfnisse zu erkennen. Denn je besser wir das tun, desto gezielter können wir Empfehlungen und Therapien auf die jeweilige Person abstimmen.

Wie holt man sich da die Sicherheit, dass man das richtige Temperament gefunden hat? Das ist ja wichtig für die weitere Therapie?

Das grösste Problem ist, dass PatientInnen nicht immer das Temperament zeigen, das ihrem eigentlichen Naturell entspricht. Vielmehr ist ihr eigentliches Temperament manchmal sehr stark von ihrer Erkrankung geprägt. Würde man nur den momentanen Eindruck beurteilen, könnte man leicht zu einer falschen Einschätzung gelangen.

Wie verhinderst du eine falsche Einschätzung?

Durch gezielte Fragen und ein ausführliches Gespräch. Das hilft uns herauszufinden, wie jemand vor den Beschwerden war, also welche Eigenschaften ihn schon seit vielen Jahren begleiten und wie sein Umfeld ihn beschreiben würde. Da kommen Seiten hervor, die momentan kaum sichtbar sind. Genau diese Informationen sind wertvoll, um zwischen dem aktuellen Zustand und dem eigentlichen Naturell unterscheiden zu können.

Ist es eigentlich nicht seltsam, dass man sowohl in der TEN als auch in der TCM zur Diagnostik (unter anderem) die Zunge betrachtet und den Puls befühlt?

Zungen- und Pulsdiagnostik liefern wertvolle Hinweise auf den aktuellen Gesundheitszustand und ergänzen das Gespräch sowie die übrigen Untersuchungen auf besondere Weise, offenbar auch in der TCM. Das zeigt m.E., wie ähnlich die Ausgangspunkte dieser beiden grossen Medizinal-System sind.

Was nützen Zungen- und Pulsdiagnostik in der TEN?

Der Puls gibt Auskunft über die qualitative und quantitative Lage der Säfte und Hinweise auf Fülle, Leere, Stagnation oder Dynamik im Organismus. Der Hammer ist jedoch die Zungendiagnostik. 

Ja? Inwiefern?

Sie ist wie ein Spiegel innerer Prozesse. Sie liefert wertvolle Hinweise auf den Zustand des Verdauungstraktes, die aktuelle Stoffwechselsituation und oft auch auf den Charakter eines Krankheitsprozesses. Farbe, Form, Belag und Feuchtigkeit geben wichtige Anhaltspunkte, um Zusammenhänge besser zu verstehen. Gerade in der TEN hat die Zunge einen besonderen Stellenwert, da die Coctio einen zentralen Punkt der Therapie darstellt. Die Coctio, das ist die Frage, wie gut Nahrungsmittel und Reize verarbeitet, umgewandelt und dem Organismus verfügbar gemacht werden können. Diese Coctio zieht sich wie ein roter Faden durch das traditionelle Verständnis von Gesundheit und Krankheit. Die Zunge kann dabei wertvolle Hinweise darauf geben, wie es um diese Verarbeitungs- und Umwandlungsprozesse steht.

Was empfiehlst du, wenn man nicht weiss, ob man NaturheilpraktikerIn werden soll?

Viele kommen über ihre persönliche Geschichte dazu. Oft sind es eigene gesundheitliche Erfahrungen, zum Beispiel über Behandlungen von Migräne oder Mensbeschwerden. Mein Tipp: Einfach einmal in eine Behandlung gehen. Über das EMR findet man TEN-TherapeutInnen in der Nähe. Man kann sich auch fragen: Wie wichtig ist es mir, dass ich beruflich etwas Sinnvolles tue? Und inwiefern ist für mich Naturheilkunde etwas Sinnvolles?

Danke, Kerstin.

Ja, das waren jetzt viele Fragen

Aber ist okay?

Ja, Martin, ich freue mich, wenn das jemand liest.

Portraitbild von Kerstin Wilcox. Foto: Heilpraktikerschule Luzern

Kerstin Wilcox

Fasziniert von der Schulmedizin und dann auch noch vonr der Naturheilkunde: Kerstin ist MPA (Medizinische Praxisassistentin) und Naturheilpraktikerin TEN mit eidg. Diplom; ausserdem hat sie das SVEB 1 absolviert. Ihre Praxis führt sie in Wettingen:
www.gesund-unterwegs.ch 

Kerstin kennenlernen

am Grossen Schnuppertag, Sa., 19. September

Naturheilkunde | Der Grosse Schnuppertag 2026

Studiengang: Naturheilkunde TEN

Akkreditierte Ausbildung mit Ziel eidgenössischem Diplom und Bundesbeiträgen

Naturheilkunde TEN: Naturheilkunde & Praktiker Ausbildung

Einstiegskurse ohne Voraussetzungen

alle, die demnächst stattfinden

HPS Luzern | Die nächsten Einstiegskurse

Infoabende

alle zwei Wochen

Info-Veranstaltungen
https://heilpraktikerschule.ch/newsroom/news-detail/news/2026/08/26/ploetzlich-ergaben-ganz-viele-dinge-sinn