Mikrobiom: «Unser Immunsystem sitzt zu 80% in unserem Darm»
Ebikon, 16. Juni 2026 — Er gluckert, furzt und rülpst, hat ziemlich viel zu tun: unser Verdauungsapparat. Mittendrin: irre viele Bakterien. Was soll das? Dr. med. Eva Hess antwortet, sie ist unsere Ressortleiterin Schulmedizin.

Bei jedem grossen Geschäft verlieren wir einen Drittel unserer Darmbakterien. Positiv formuliert: Wer guten Food – also nützliche Bakterien – nachschiebt, bringt den Darm schnell wieder ins Gleichgewicht, sollte es einmal aus dem Tritt geraten sein. Übrigens: Man kann nicht über den Darm schreiben, ohne zu zitieren, was Martin Luther vor über einem halben Jahrtausend gesagt haben soll: Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz. In diesem Sinne – Ballaststoffe, Gemüse aller Art, bunt und viel, auch mal Zwiebeln. Bild: Pixabay
Dr. med. Eva Hess, da haust und schmaust ja eine ganze Bande von Bakterien in meinem Darm. Sind die gefährlich?
Keine Sorge, für gesunde Wirte, also gesunde Menschen, sind all diese Mikroorganismen keine Gefahr, denn dann leben sie in einem Gleichgewicht und sorgen sogar für Gesundheit. So produzieren sie auch gewisse Vitamine, z.B. Vitamin K.
Und sie haben wunderbare Namen – ein besonderer Zungenschnalzer ist Bacteroides thetaiotaomicron. Welches ist dein Favorit?
Es gibt für mich keinen einzelnen Favoriten. Alle Darmbakterien sind in ihrem Zusammenspiel wertvoll. Wichtig ist eine ausgewogene Mischung, das macht es aus, wie im Leben auch – von allem ein bisschen und von dem, was gut ist, darf es auch mehr sein. Im Normalfall hast du um die 500 bis 1000 Bakterienstämme, die meisten Menschen haben aber unter 100.
Was machen die da alle in meinem Darm?
Die Darmbakterien bilden ein Team, das ist wirklich faszinierend. Jede Art übernimmt spezifische Aufgaben – von der Unterstützung der Verdauung über die Reparatur von Zellen der Darmschleimhaut bis zur Stärkung des Immunsystems. Gemeinsam sorgen sie dafür, dass Nährstoffe optimal aufgenommen und schädliche Keime in Schach gehalten werden. Auch dass sich wichtige Botenstoffe bilden, Serotonin zum Beispiel, das ja unsere Stimmung beeinflusst.
Meine Stimmung kommt aus dem Darm? Inwiefern?
Zu einem guten Teil, ja. In Studien hat man festgestellt, dass ein grosser Teil unseres Serotonins im Darm gebildet wird. Das ist der Botenstoff, der in unserem Gehirn gebraucht wird, er ist wichtig für unsere Gefühlslage und zählt zu den «Glückshormonen».
Und wie mache ich mich glücklicher?
Ah, da kommen wir schon ins wichtigste Thema mitten hinein: die ausgewogene Ernährung. Das ist der Schlüssel zu einem gesunden Mikrobiom, und ausgewogen heisst mit vielen bunten Gemüsen, also Ballaststoffen. Das senkt Depressionen und Angstzustände, und zwar nachweislich. Zum Beispiel benötigten die TeilnehmerInnen einer Untersuchung deutlich weniger Antidepressiva, wenn ihre Darmbakterien in der Balance waren – und das lässt sich mit einer vielfältigen Ernährung steuern. Und das bedeutet eben viele Ballaststoffe und buntes Gemüse. Das ist schon spannend: Wir können unseren Körper und auch unser Wohlbefinden stärken, indem wir unser Mikrobiom aktiv unterstützen. Und gleichzeitig profitiert dein Immunsystem: Man sagt, 80% des Immunsystems sitzt in deinem Darm. Deshalb: Iss bunt, bleib entspannt – und dein Darm dankt es dir! Und übrigens …
Ja?
… ist diese Ernährung auch gut, wenn du Diabetes bzw. das metabolische Syndrom verhindern möchtest. Ballaststoffe machen den Verlauf des Blutzuckerspiegels flacher. Deine Cholesterin-Werte freuen sich ebenfalls.
Oft werden auch Präbiotika empfohlen, wenn es um Darmgesundheit geht. Was ist das?
Das sind Ballaststoffe, zum Beispiel Sauerkraut, alles, was fermentiert ist. Präbiotika sind gutes Futter, sie fördern das Wachstum guter Bakterien. Knoblauch, Spargel, Bananen und viele Gemüse und Früchte mehr enthalten Präbiotika. Daneben gibt es auch Probiotika, sie sind als Nahrungsergänzung erhältlich. Sie enthalten lebende Mikroorganismen. Bitte nicht einfach so nehmen, sondern nur in ärztlicher Absprache, es gibt da nämlich schon Kontraindikationen.
Also ausgewogen essen, und ich brauche mir eigentlich keine Sorgen zu machen?
Ja, damit hast du bereits viel erreicht. Wenn du dazu noch auf deinen Schlaf achtest, also auf einen regelmässigen Schlafrhythmus, und wenn du Stress so gut wie möglich ausgleichst, bist du auf direktem Weg zu einem gesunden Mikrobiom.
Im Alter, wird da das Mikrobiom träg, wenn es versucht, das Mikrobiom-Gleichgewicht aufrecht zu erhalten? Obwohl: Es sind ja Bakterien, die erneuern sich ständig. Die sind also immer jung. Oder?
Ja, träge wird es nicht, es ist eher die einseitige und unregelmässige Ernährung. Und die betrifft uns alle. Nicht nur im Alter, sondern während des ganzen Lebens. Wenn die Bakterien ständig zugemüllt werden. Lass dein Mikrobiom auch mal einfach in Ruhe, damit die Mikroorganismen einen Rhythmus bekommen.
Konkret?
Zum Beispiel zwischen den Mahlzeiten auf zusätzliches Essen zu verzichten. Das ist sowieso immer gut.
Gibt es einen Mikrobiom-Flop, der immer wieder auftaucht, aber falsch ist? Und mit dem du hier endgültig aufräumen möchtest?
Ja, die überhand nehmende Untersuchung von Stuhlproben auf Bakterien. Es werden sogar Heimtests auf den Markt geschwemmt. Da bin ich kritisch. Man muss einfach wissen, dass sich unsere Darmbakterien innert kürzester Zeit verändern können, je nachdem, womit wir sie füttern. Die Escherichia-coli-Bakterien zum Beispiel teilen sich alle 20 Minuten. Du siehst, das Mikrobiom ist äusserst dynamisch und verändert sich – wie gesagt – je nach Ernährung, Stress, unzureichendem Schlaf. Auch Medikamente wie Antibiotika und der Lebensstil tun ihr Übriges. Innerhalb weniger Stunden kann das Mikrobiom ganz verändert sein. Eine Stuhlprobe kann zwar Hinweise darauf geben, welche Bakterien aktuell in deinem Darm aktiv sind, doch das Bild ist immer nur eine Momentaufnahme. Es ist wenig sinnvoll, sich allein auf das Ergebnis einer solchen Untersuchung zu verlassen. Das muss man einfach wissen.
Wann sind Stuhlproben sinnvoll?
Dann, wenn es um Früherkennung von Darmkrebs geht, bei Verdacht auf Darm-Infektionen mit Bakterien, Viren, Pilzen oder Parasiten wie z.B. Würmern. Aber auch bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen oder bei Passage- und Verdauungsbeschwerden.
Stichwort Antibiotika?
Die sind sehr nützlich, retten Leben. Gleichzeitig wird das Mikrobiom beschädigt. Das hast du aber schnell wieder aufgebaut, vorausgesetzt: Ernährung, Schlaf, Entspannung.
Woran erkenne ich, ob mein Mikrobiom okay ist?
Ganz einfach: Wenn dein Toilettengang regelmässig und ohne grössere Überraschungen verläuft, läuft’s auch in deinem Darm rund. Anders gesagt: Wer entspannt «Erfolg» auf der Toilette hat, kann ziemlich sicher sein, dass die kleinen Mitbewohner im Bauch zufrieden arbeiten. Also keine Sorge – solange du nicht stündlich auf die Toilette musst oder dich nach jedem Essen wegen starken Blähungen krümmst, bist du vermutlich auf der sicheren Seite.
Was bedeuten eigentlich die Bauch- oder Darmgeräusche?
Sie entstehen, wenn der Nahrungsbrei, vermischt mit Magen- und Darmsäften, durch den Verdauungstrakt transportiert wird. Das ist völlig normal. Oder wenn uns beim Duft eines feinen Essens das Wasser im Mund zusammenläuft, dann wird die Bildung der Magen- und Darmsäfte ebenfalls angeregt. Oder wenn du da an der Bäckerei vorbei läufst und es duftet nach frischem Brot.
Die Geräusche sind also etwas Gutes.
Ja, sie sind grundsätzlich ein Zeichen dafür, dass die Darmmuskeln arbeiten und in Bewegung sind. Anders ist es, wenn wir zu viele Gase im Darm haben, dann kommt es oft zu schmerzhaften Blähungen und hinten zu stinkendem Luftausstoss. Auch das ist völlig normal, zum Beispiel wenn wir rohes Gemüse in grossen Mengen oder bei Zwiebeln schon in kleinster Dosierung zu uns nehmen. Die entsprechenden Darmbakterien haben dann allerhand zu tun. Als Mediziner haben wir es nicht gern, wenn da Grabesstille im Darm ist.
Manchmal hört man die Begriffe Darmhirn, auch Bauchhirn. Was ist da dran, sagt dir das was?
Ja, klar sagt mir das etwas. Das Darmhirn wird auch als enterisches Nervensystem bezeichnet. Es ist ein zartes Nervennetz, das sich in den Muskelwänden unseres Darmschlauches von der Speiseröhre bis zum Darmausgang befindet. Im Mittelpunkt neuer Forschungsergebnisse steht vor allem die Darm-Hirn-Achse, also die Kommunikation zwischen unserem Darm und unserem Gehirn. Wir beginnen langsam zu verstehen, wie die beiden Systeme zusammenarbeiten, ihre Informationen austauschen und wie wir unseren Darm mit seinem Mikrobiom gezielt zur Unterstützung unserer Gesundheit einsetzen können.
Danke vielmals, Eva.
Gern, Martin.

Dr. med. Eva Hess
Eva Hess hat an der Uni Zürich studiert, gearbeitet hat sie in der Chirurgie, der Inneren Medizin und in der Pädiatrie. Sie interessierte sich schon immer fürs Unterrichten, hat SVEB I und II absolviert sowie das Nachdiplomstudium Medical Education; ausserdem hat sie mehrere Gesundheitsschulen in der Lehrplanentwicklung unterstützt.
Für die OdA AM war Eva Hess Chefexpertin für das Modul M1 und mitverantwortlich für die Entwicklung der schriftlichen und praktischen Prüfung. An der Heilpraktikerschule Luzern ist Eva zuständig für das Ressort WestMed, sie bestimmt die
Ausbildungsthemen und Inhalte, ihre Tiefe und Ausrichtung; und sie unterrichtet auch selber verschiedene Disziplinen, zum Beispiel Symptome und Differentialdiagnose.
Eva lebt mit ihrem Mann zusammen – und sieben Katzen. Sie hat sich in Positiver Psychologie weitergebildet sowie in Abschied, Tod und Trauer. Neben all dem führt sie öffentliche Seminare durch: bei der Pro Senectute für angehende PensionärInnen zum Thema «Gesund älter werden» und «Lebensgestaltung»; und an Volkshochschulen zu unterschiedlichen Gesundheitsthemen; ihre Akademie für gesundes Alter ist online, sie gibt Firmenseminare und hält kostenfreie Online-Vorträge: www.akademie-gesundes-alter.com/

