Cranio-Geburtshilfe: handfest? Handfein!
Ebikon, 29. August 2025 — Cranio berührt. Neu können das auch Hebammen und Pflegefachpersonen lernen. Im Interview: Osariere Röthlisberger, sie hat die Weiterbildung «Cranio elementar: Geburtshilfe» mitentwickelt.

Präsenz und Feinfühligkeit, ausgelesene Cranio-Elemente und Polyvagal-Basics, das hilft, Entfaltungs- und schützende Räume für das Zusammenwachsen der Familie aufzuspannen. Bild: Freepik
Osariere Röthlisberger, «Cranio elementar: Geburtshilfe» heisst die Weiterbildung. Als Hebamme – was kann ich danach besser?
Du bekommst durch den Kurs neue Tools, um Familien, Schwangere, Gebärende und junge Mütter auch nonverbal zu unterstützen. Deine Berührungen tragen jetzt eine neue Qualität – vielleicht lässt sich das als «sanfte Präsenz» beschreiben. Du lernst zudem, über die eigene Mittellinie Stabilität anzubieten und Ruhe in den Raum zu bringen. So unterstützt du körperliche Anpassungsleistungen leichter und begleitest emotionale sowie psychosoziale Übergänge besser.
Hast du auch ein, zwei konkrete Beispiele aus der Geburtshilfe?
Gerne. Du kannst die manuellen Cranio-elementar-Tools etwa in der Wochenbettbetreuung unkompliziert einsetzen – zum Beispiel, um Gewebespannungen bei starkem Milcheinschuss zu lindern oder die Milchbildung zu fördern. Anschliessend an die Uteruskontrolle kannst du mit einer zusätzlichen einfachen, präsenten Handhaltung die Selbstwahrnehmung und Heilungsfähigkeit der Mutter unterstützen. Auch vor oder nach unangenehmen Untersuchungen hilft die gezielte Berührungsqualität, um Entspannung des Gewebes zu begleiten oder integrieren. Oder du kannst den Eltern die Erfahrung des eigenen Zentrums weitergeben – das beruhigt und hilft, in stressigen Momenten zusammen mit ihrem Kind wieder ins Gleichgewicht zu kommen.
Was macht die Elemente der Craniosacral-Therapie so besonders?
Sie sind einfach und lassen sich mühelos in deine Arbeit integrieren. Sie werden dir zur handfesten, besser: handfeinen Umsetzung des Konzepts Mothering the mother, also die Mutter umsorgen. Damit hilfst du der werdenden oder jungen Mutter, wieder in ihr eigenes Lot zu kommen und ihren veränderten Körper wahrzunehmen. Wir arbeiten mit einer salutogenen Sichtweise – also darauf ausgerichtet, Selbstregulation und Homöostase zu fördern.
Und was ist das Besondere an der Polyvagal-Theorie für Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett?
Was wir vermitteln, ist nicht nur das Wissen, sondern, wie wir die Stressbalancierung durch bewusste Berührung positiv beeinflussen können. Die Unterstützung des ventralen Vagus durch einfache Handhaltungen kann emotional stabilisieren – in der Schwangerschaft, in der intensiven Schlussphase der Geburt oder im Wochenbett. Das stärkt die Mutter-Kind-Bindung und hilft Familien in den Umstellungs- und Übergangsphasen. Selbst in der Geburtsvorbereitung profitieren auch die Begleitpersonen davon, weil sie sich sicherer und kompetenter fühlen.
Wenn du nur einen einzigen Inhalt der Weiterbildung unterrichten dürftest – welcher wäre das?
Präsenz und Feinfühligkeit. Wenn es etwas mehr sein darf: die horchende Berührungsqualität, die Orientierung an der Mittellinie und die Freude am Kommunizieren mit den Strukturen.
Es ist ja keine komplette Cranio-Ausbildung. Lassen sich die Elemente trotzdem gut anwenden?
Ja, wir haben sehr praxisnahe Cranio-Elemente ausgewählt – sie lassen sich direkt in den verschiedenen Betreuungssituationen einsetzen, sei es während einer Schwangerschaftskontrolle, bei einem Wochenbettbesuch oder in der Latenzphase unter der Geburt. Die beiden Aufbaumodule sind speziell auf die Geburtshilfe zugeschnitten. Das Einstiegsmodul «Cranio: Weite» führt auf tolle Weise in die sogenannte biodynamische Craniosacral-Therapie ein. Es geht nicht darum, ganze Behandlungen zu geben, sondern deine jetzige Tätigkeit zu bereichern, sei es als Hebamme, sei es als Pflegefachperson in diesem Gebiet.
Und wenn ich danach die komplette Cranio-Ausbildung machen möchte?
Das wäre wunderbar! An der Heilpraktikerschule hast du mit dieser Weiterbildung bereits zwei Module der kompletten Ausbildung erledigt. Bei anderen Anbietern lohnt sich eine Nachfrage. Auch die dokumentierten Eigenerfahrungen bei Craniosacral-TherapeutInnen können angerechnet werden.
Für wen ist diese Weiterbildung «Cranio elementar: Geburtshilfe» geeignet?
Für alle Hebammen und geburtshilflich tätigen Pflegefachpersonen – egal ob im Spital, selbstständig oder in einer Orientierungsphase. Selbst für KollegInnen mit Cranio-Ausbildung lohnt es sich, neue Aspekte kennenzulernen und interessante e-log Punkte zu sammeln: Jedes Modul bringt 24 e-log Punkte, und nach drei Modulen gibt es das Zertifikat Cranio elementar: Geburtshilfe.
Welche Rolle spielt der Schweizerische Hebammenverband SHV dabei?
Die Stärkung der Physiologie ist auch ein berufspolitisches Ziel. Diese Weiterbildung wurde in Kooperation mit dem SHV und der Heilpraktikerschule entwickelt, um Hebammen wie auch geburtshilflich tätigen Pflegefachpersonen praxisnah Werkzeuge für salutogene Betreuung zu geben.

Osariere-Claudia Röthlisberger ist die treibende Kraft dieser Weiterbildung. Sie ist eidg. dipl. KomplementärTherapeutin mit der Methode Craniosacral-Therapie und Hebamme FH MSc Midwifery. Sie arbeitet teilzeit als Hebamme in einem Zentrumsspital; ausserdem ist sie Mentorin und Prüfungsexpertin an einer Schweizer Cranio-Schule. Ihre Praxis führt sie in Richterswil (ZH):
www.osariere-roethlisberger.ch